Sie sind hier: Jürgen von der Wense. Nachlass

Zum Nachlass

Über den Nachlass informiert ausführlich der »Anhang« (S. I – LXXVII) von Michael Lisseks Dissertation und Dieter Heim im »Exkurs über Jürgen v. d. Wense und sein Werk« in: Geschichte einer Jugend, S. 401-455.

Anschaulich beschreibt dieses gigantische »Blatt-Werk« Reiner Niehoff:

»Das Gros seiner literarischen Arbeiten wurde von Wense nicht verlegt, sondern abgelegt, und zwar auf circa 30 000 beidseitig beschriebenen, in 315 farbigen Mappen verwahrten, systematisch und alphabetisch geordneten losen Blättern und verblieb unpubliziert und unpublizierbar im Zustand einer ungeheuren Materialsammlung: Übertragungen und Nachdichtungen aus über 100 Sprachen und Dialekten aus allen Zeiten und Zonen des Erdballs, Vermerke und Funde zu Kultur und Klima, Geologie und Siedlungskunde der deutschen Mittelgebirge, Exzerpte, Essays und Entwürfe zu allen Feldern der Literatur und des Wissens vom Mythos bis zur Mühlenkunde, thematische Arbeiten zum Stab oder zum Stehen, Marginalien, Notizen und Anmerkungen zu Skurrila, gleich ob über Tiere, Pflanzen, Namen oder Wolkenformationen. Außerdem verfaßte Wense 40 Tagebücher, beschrieb 258 Meßtischblätter, sorgte für gut 40 Kompositionen, verfertigte 3000 Photos und verschickte rund 5000 bis 6000 Briefe. Ein Mammutwerk der Verzettelung, das an die Faszikel-Meere Jean Pauls erinnern mag, an die Fragmenthefte von Novalis, an die Materialmappenberge Flauberts oder an die Zettelkästen von Arno Schmidt. Ziel dieser monströsen Verzeichnung war nichts geringeres als eine Gesamt-Inventarisation der Erde zu ‚Ehren der Dinge’, eine neue Enzyklopädie also, und zwar geplant als eine umfassende Aufnahme der menschlichen Kultur im Rahmen des Universums: des Kosmos, der Natur, der Geosphäre, der Atmosphäre, aber auch und besonders der Sprache, der Kunst, der Siedlungen und Besiedlungen der Erde durch den Menschen; eine Reise um den Globus in 30 000 Blättern. Die Welt sei dafür da, ein Buch zu werden, so Mallarmé. ‚Und was ist die Welt – die ganze Welt ist ein Lied, das ich noch nicht geschrieben habe’, behauptet Wense (14. November 1920); und: ‚Wenn ich sterbe, ist die Welt in meinem Zimmer.’ (22. Juni 1956)«
(Niehoff/Bertoncini 2005, S. 10-11)

Das Werk von Wense ist praktisch der Nachlass!

Die umfangreichen Bände von Heim und die Werkausgabe spiegeln nur oberflächlich die Menge des noch zu erschließenden Materials und machen zudem erst neugierig auf weitere Entdeckungen.

Aus Wenses Aufzeichnungen

 

Über den Nachlass informiert ausführlich der »Anhang« (S. I – LXXVII) von Michael Lisseks Dissertation und Dieter Heim im »Exkurs über Jürgen v. d. Wense und sein Werk« in: Geschichte einer Jugend, S. 401-455.

Anschaulich beschreibt dieses gigantische »Blatt-Werk« Reiner Niehoff:

»Das Gros seiner literarischen Arbeiten wurde von Wense nicht verlegt, sondern abgelegt, und zwar auf circa 30 000 beidseitig beschriebenen, in 315 farbigen Mappen verwahrten, systematisch und alphabetisch geordneten losen Blättern und verblieb unpubliziert und unpublizierbar im Zustand einer ungeheuren Materialsammlung: Übertragungen und Nachdichtungen aus über 100 Sprachen und Dialekten aus allen Zeiten und Zonen des Erdballs, Vermerke und Funde zu Kultur und Klima, Geologie und Siedlungskunde der deutschen Mittelgebirge, Exzerpte, Essays und Entwürfe zu allen Feldern der Literatur und des Wissens vom Mythos bis zur Mühlenkunde, thematische Arbeiten zum Stab oder zum Stehen, Marginalien, Notizen und Anmerkungen zu Skurrila, gleich ob über Tiere, Pflanzen, Namen oder Wolkenformationen. Außerdem verfaßte Wense 40 Tagebücher, beschrieb 258 Meßtischblätter, sorgte für gut 40 Kompositionen, verfertigte 3000 Photos und verschickte rund 5000 bis 6000 Briefe. Ein Mammutwerk der Verzettelung, das an die Faszikel-Meere Jean Pauls erinnern mag, an die Fragmenthefte von Novalis, an die Materialmappenberge Flauberts oder an die Zettelkästen von Arno Schmidt. Ziel dieser monströsen Verzeichnung war nichts geringeres als eine Gesamt-Inventarisation der Erde zu ‚Ehren der Dinge’, eine neue Enzyklopädie also, und zwar geplant als eine umfassende Aufnahme der menschlichen Kultur im Rahmen des Universums: des Kosmos, der Natur, der Geosphäre, der Atmosphäre, aber auch und besonders der Sprache, der Kunst, der Siedlungen und Besiedlungen der Erde durch den Menschen; eine Reise um den Globus in 30 000 Blättern. Die Welt sei dafür da, ein Buch zu werden, so Mallarmé. ‚Und was ist die Welt – die ganze Welt ist ein Lied, das ich noch nicht geschrieben habe’, behauptet Wense (14. November 1920); und: ‚Wenn ich sterbe, ist die Welt in meinem Zimmer.’ (22. Juni 1956)«
(Niehoff/Bertoncini 2005, S. 10-11)

Das Werk von Wense ist praktisch der Nachlass!

Die umfangreichen Bände von Heim und die Werkausgabe spiegeln nur oberflächlich die Menge des noch zu erschließenden Materials und machen zudem erst neugierig auf weitere Entdeckungen.